Herausforderung Energiewende-Rechnen hilft verstehen

Es hat ja eine gewisse Berechtigung: Immer wieder wird uns Deutschen im Wahlfieber ins Gewissen geredet, wir seien 1% der Weltbevölkerung, emittierten aber 2% des klimasensitiven CO2. Die Zahlen sind korrekt, spiegeln isoliert betrachtet aber zweidimensionales Denken wider. Die dritte Dimension analysiert Ursachen unserer CO2-Emission und Wirkung der Gegenmaßnahmen. Zur Wahrheit gehört auch, dass Deutschland 8% der weltweit CO2-intensiv produzierten Waren exportiert. Wer ist für diese CO2-Emission eigentlich verantwortlich, wir, die ehemaligen Exportweltmeister oder Verbraucher in aller Welt, Nutznießer unserer CO2-Emission? Sollten wir die Produktion von Exportwaren einstellen? Nein, denn kein anderes Land produziert derart CO2-effizient wie Deutschland, ausgenommen Frankreich, die Schweiz und Schweden, Länder mit hohem Anteil Kernenergie an ihrer Produktion. Kein anderes Land hat seit 1990 beachtliche 40% seines CO2-Ausstoßes eingespart, keines steigt aus Kern- und Kohle-Energie zugleich aus. Geht diese Rechnung etwa nicht auf? Wenn private Haushalte inklusive Mobilität aller Deutschen CO2-neutral wären, bliebe die ungleich größere Herausforderung, die 71% des Primärenergiebedarfs (PEB) des produzierenden Gewerbes global wettbewerbsfähig umzustellen, nicht einzustellen. Wir haben ja Windräder als Leistungsträger der Energiewende. Wie viele davon decken z.B. den PEB unserer Chemischen Industrie, ca. 1.300.000 Terajoule (TJ), 33% des PEB aller produzierenden Gewerbe? Die Antwort lässt sich errechnen: 2020 lieferten knapp 31.000 On- und Offshore Windräder 131,9 TWh (das sind 474.840 TJ). Dies bedeutet: Allein für die Umstellung der Chemischen Industrie von fossil auf grün wird eine um den Faktor 2,74-mal so große Stromleistung aus Wind benötigt wie heute installiert. Volatiler Ökostrom müsste dann in riesigen Redoxflow-Stromspeicherfabriken auf Abruf gespeichert werden, ohne dies wäre das Risiko schlimmer Chemie-Katastrophen infolge Stromschwankungen auf Prozess-Steuerungen zu groß. Strom-/Wasserstoff-Speicher dieser Dimension haben einen Wirkungsgrad von etwa 50%. So erhöht sich der rechnerische Faktor 2,74 real auf ca. 5. Folglich verlangt allein die Umstellung unseres gesamten produzierenden Gewerbes auf grünen Strom eine gigantische Flächenversiegelung durch eine ca. 15-fache Zahl an Windrädern, ca. 50 Speicherfabriken und 8.000 km neue Stromtrassen. Würden Firmen subventioniert und nicht abwandern? Wäre eine derartige Lösung nachhaltig, globales Vorbild für Follower?

Prof. Dr. Jörg Sundermeyer, Marburg