Die unbequeme Wahrheit

Reaktion auf den Leserbrief in der Oberhessischen Presse vom Freitag, 24. September 2021, „Wasser auf die Mühlen der Verschwörungserzählenden“ von Axel Erdmann:

Es war zu erwarten, dass die Konfrontation mit nüchternen Datenanalysen nicht jeden Leser der OP begeistert. Doch statt mit Fakten und Zahlen zu argumentieren, wird der Vorwurf erhoben, es sei eines Professors unangemessen, Fragen zu stellen, seine rein wissenschaftliche Analyse könnte ja ungewollt Wasser auf die Mühlen der Skeptiker leiten.

Ja, wir brauchen die Energiewende! Wenn aber neben Kohle- auch Kernenergie abgestellt wird, gelingt die Wende nur mit drastischen Maßnahmen, etwa 15-fachem Windenergieausbau und riesigen Speichern oder aber totaler Abhängigkeit von Stromlieferanten, die es anders machen als Deutschland! Eine Verdreifachung der Windräder im Landkreis Marburg-Biedenkopf (LK) von aktuell 76 auf 253 tut es nicht: Der Stromverbrauch allein der Stadt Marburg mit Gewerbe betrug 386 Gigawattstunden (GWh) (2018): https://www.energieportal-mittelhessen.de/energierechner-fuergemeinden/energierechner. Dort nachzulesen: Ein Prozent der Stromproduktion Marburgs lieferten die drei Wehrdaer Windräder, drei Prozent die Solarenergie, zusammen rund 16 GWh. Klimaneutralität 2030 wurde vom Stadtparlament beschlossen, die Opfer dafür erbringt der LK in seinem Hintergarten: In 2018 war die ausbaubare Stromproduktion aus Wind und Sonne im LK mit Stadt 557 GWh, der Stromverbrauch aber 1 744 GWh. Die unbequeme Wahrheit ist, dass nach Verdreifachung der Windenergieproduktion nicht einmal der heutige (!) Stromverbrauch unserer Stadt mit LK abgedeckt ist, geschweige denn die CO2-intensiven Sektoren Mobilität, Wärme und produzierendes Gewerbe (zusammen 80 Prozent des bislang fossil gedeckten Primärenergiebedarfs). Herr Erdmann liegt mit seiner Mutmaßung falsch, die meinerseits für eine konsequente Energiewende deutschlandweit eingeforderten 50 Redoxflow-Stromspeicherfabriken seien maßlos übertrieben für 100 Prozent des zukünftigen Strombedarfs des produzierenden Gewerbes. Kalkuliert wurden mit der Zahl 50 nicht einmal 20 Prozent Puffer, wie von ihm angemahnt, sondern weniger als ein Promille Pufferkapazität! Der weltweit größte Speicher dieser Art leistet 200 Megawatt bei 800 Megawattstunden (MWh) Energieinhalt. Lithiumionen-Speicher vergleichbarer Größe reichen bei Weitem nicht, etwa durch Nachnutzung von Pkw-Akkus. Als essenzielle Notstrom-Reserve gegen regelmäßige Dunkelflauten erhält eine dieser riesigen Chemiefabriken die Stromversorgung von Marburg-Stadt für 15 Stunden aufrecht – heute gerechnet, nicht für unser zukünftig dekarbonisiertes Marburg: https://electrek.co/2017/12/21/worlds-largest-battery-200mw-800mwh-vanadium-flow-battery-rongkepower/.

Prof. Dr. Jörg Sundermeyer, Marburg