Die Energiewende gehört vom Kopf auf die Füße gestellt!

von Prof. Dr. Jörg Sundermeyer

Oberhessische Presse vom 22.11.2017

Die folgende Abschrift stellt eine ungekürzte Version eines Leserbriefes von Prof. Sundermeyer (BI – AGNE) an die OP-Redaktion, betreffend OP Artikel vom 04.11.17 dar: „Nicht gegen den Willen der Bevölkerung“ von Björn Wisker.

Die BI Windkraft Görzhausen setzt sich auch weiterhin für eine aufrichtige Diskussion ein, wie wir eine Energiewende, von der Mehrheit der Bürger getragen, hinbekommen. Die Arbeitsgemeinschaft Nachhaltige Energieversorgung der BI (AGNE) ist jetzt mehr denn je gefordert, an Vorschlägen für die Marburger Region mitzuarbeiten. Kein bedingungsloser Glaube, sondern belegbare, durchgerechnete und experimentell gemessene Fakten sollten hierbei die Grundlage bilden. Dazu ein paar Beispiele: Herr Seitz, Grünen-Stadtverordneter, wird in o.g. Artikel zitiert „die Schornsteine von Kohlekraftwerken wie Staudinger/Hanau seien höher und besser zu sehen als jedes Windrad“. Jeder mag sich selbst ein Urteil bilden, ob die vier Schornsteine von Block 1 – 4 mit durchschnittlich 209 m Höhe in der Ebene besser zu sehen sind als vier 236m hohe Windräder mit Rotorkreisflächen, 1,5-fach so groß wie ein Fußballfeld, auf dem Marburger Bergrücken! Auch würden nicht vier, sondern ca. 1.100 (!) Windräder dieser Größe als Ersatz des ursprünglich mal ausgelasteten 1.100-MW-Kohlekraftwerks Staudinger in den Wald und „den Bürgern vor die Tür gestellt“ werden müssen! Nicht jedem ist bewusst, dass ein 3,5-MW-Windrad an windreichen Standorten, besser als Görzhausen, maximal 30% seiner Nennleistung erzeugt, also im Mittel 1 MW – je größer die relative Windrad-Population im Land, desto weniger pufferbar auch dann, wenn diese Energie gerade nicht gebraucht wird – und umgekehrt. Um Windenergie grundlastfähig zu machen, was notwendig wäre, möchte man Kohlekraftwerke ersetzen, müssen zwingend und dringend zusätzliche Stromtrassen von der Nordsee und Speicherlösungen her!

Die nach Pumpspeicherwerken effizienteste Form der Energiespeicherung von Erneuerbaren Energien (EE) stellen sogenannte Redoxflow-Batterien dar. Sie haben mit 75-80% einen viel besseren Wirkungsgrad als die Kombination der Erzeugung von Wasserstoff durch Elektrolyse mit EE-Strom gefolgt von faszinierenden Chemie-Experimenten wie Power-to-Gas. Doch Vorsicht bei übertriebenem Optimismus: Die weitgehend ausgereifte Vanadium-Redoxflow-Batterie hat eine Energiedichte von 40 Wh/Liter, d.h. 4 MWh Energie lassen sich in 100.000 Litern Elektrolyt-Lösung pro Windrad speichern. Bei viel Wind ist dieser Speicher innerhalb nur einer Stunde voll, 3 MWh kommen bei Bedarf wieder raus! Um Windenergie grundlastfähig zu machen, was nötig wäre, wollten wir Kohlekraftwerke ersetzen, benötigen wir folglich an jedem Windpark von 5 Windrädern je eine kleine chemische Fabrik zur Energieumwandlung und eine halbe Million Liter Elektrolyt, d.h. einen 10,0 x 10,0 x 5,0 Meter großen Tank, gefüllt mit hochkonzentrierter toxischer Säurelösung und eine Kaskade teurer elektrochemischer Reaktoren. Frage: Sind also 1.100/5 bzw. 220 derartige Chemiefabriken neben den 1.100 Windmühlen eine nachhaltige Lösung, um das Kohlekraftwerk Staudinger zu ersetzen? Gibt es seriöse alternative Vorschläge? Um ein gutes Argument gleich vorweg zu nehmen: Massenhaft ausgediente Lithiumionen-Akkus von Elektroautos und die Autos selbst tragen sicher einen Teil zur Lösung des EE-Speicherproblems bei – aber bitte auch hier bei Kosten und Kapazität das Rechnen nicht vergessen!

Dass nun die Firma Krug Energie von ihrem Bauvorhaben abgerückt ist, verdient Respekt, denn sie steht zu ihrer Aussage „nicht gegen den Willen der Bevölkerung“, die betroffen ist. Ihre Stellungnahme zur Entscheidung belegt aber auch die immer wieder formulierte These der BI, dass magere wettbewerbsspezifische Gewinnerwartungen nicht durch eine überragende standortspezifisch-windenergiewirtschaftliche Faktenlage in Görzhausen kompensiert werden konnten. In diesem Zusammenhang ist es aber eine gute Nachricht, dass die reinen Strom-Erzeugungskosten aus Wind und Sonne nicht höher sind als die aus fossilen und nuklearen Brennstoffen! Quelle: https://cleantechnica.com/2016/12/25/cost-of-solar-power-vs-cost-of-wind-power-coal-nuclear-natural-gas/. Warum also sollte die Politik bei dieser Faktenlage die Erzeugung von Strom aus Windenergie über mittlerweile ausgereifte Konzepte weiterhin subventionieren, etwa den Bau von Onshore-Windparks? Viel nachhaltiger wäre es, unsere EEG-Mittel bis auf Weiteres ausschließlich in die Förderung der krass vernachlässigten Energie-speicherlösungen, des Ausbaus der Stromtrassen und des intelligenten Grids zu stecken, damit Erzeugung, Speicherung und Verbrauch von EE, anders als bisher, zukünftig besser synchronisiert werden! Noch gebe ich die Hoffnung auf Jamaika-Einsichten nicht auf: Die Energiewende gehört vom Kopf auf die Füße gestellt!

Erstmalig eingereicht bei der OP am 06.11.17

Von der Redaktion beantwortet am 10.11.17

Gekürzt und erneut eingereicht am 16.11.17

Gekürzte Version erschienen am 22.11.17

als sich unsere gewählten Politiker längst aus ihrer Jamaika-Verantwortung davongestohlen hatten.